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Buch des Monats Juli 2021 - Die Geschichte der Gutenbergbibel Trier II

Veni, vidi, audivi - Gutenbergbibel Trier II
Veni, vidi, audivi - Gutenbergbibel Trier II

Hier geht's zum Podcast (MP3). (Musik-Quelle: www.musicfox.com)

Podcast in Kooperation mit:
Agentur textschnittstelle | mediencontent & text Bettina Leuchtenberg M.A.

„Sehr geehrter Herr Direktor, ich kann Ihnen die überraschende und freudige Mitteilung machen, dass es mir gelungen ist, das Bruchstück der Gutenbergbibel zu verkaufen. Ich glaube, bereits morgen, spätestens übermorgen, die 60,000 RMk., wie vorgeschrieben, an die Stadthauptkasse in Trier zahlen zu können.“ Dies schrieb der Leipziger Antiquar Anton Hiersemann am 23. Dezember 1931 an den Direktor der Stadtbibliothek Trier Gustav Kentenich.

Der Verkauf der Bibel wurde in einer Sondersitzung des Finanz- und Verfassungsausschusses der Stadt Trier im April 1931 genehmigt. Die Mittel waren dringend notwendig, da, wie Kentenich argumentierte, „die in den letzten Jahren immer schwieriger gewordene Lage der Bibliothek sich zu einer schwereren Krise auszuwachsen droht (…) die Bücher auf weite Strecken in doppelter Reihe hintereinanderstehen (…) und die neuen Zugänge nicht mehr in den bezüglicheren Abteilungen aufgestellt werden können. (…) Je länger dieser Zustand andauert, desto unübersichtlicher wird die 100,000 Bände umfassende Bücherwelt und gleichzeitig das Auffinden der verlagerten Bücher immer schwieriger.

Um die Geschichte der Gutenberg Bibel aus Trier erzählen zu können, muss man zuerst erklären, wie eine solche Bibel aussieht. Mit wenigen Ausnahmen besteht sie aus zwei Bänden: der erste Band enthält den ersten Teil des Alten Testaments, der zweite Band hauptsächlich die Propheten des Alten Testaments und das Neue Testament. Jeder Band umfasst über 300 Blätter. Die inkomplette Ausgabe aus dem Bestand der Stadtbibliothek, die zum Verkauf angeboten wurde, hatte 63 Blätter des Alten Testaments und 260 Blätter des Neuen Testaments. Kentenich hatte sich für den Verkauf dieses Exemplars entschieden, da er mit dem Erlös schnellstmöglich die Mittel für einen Neubau der Stadtbibliothek sichern wollte. Am Ende des Jahres wurden die 63 Blätter des Alten Testaments an Hiersemann verkauft. Kurz darauf fand der Buchhändler auch einen Käufer für die zwei weiteren in Trier erhaltenen Bände der Gutenbergbibel. Der erste Band des aus einem Trierer Kloster stammenden, gut erhaltenen Exemplars wurde trotz der Finanznot schlussendlich nicht verkauft und kann heute in der Schatzkammer der Wissenschaftlichen Bibliothek der Stadt Trier bewundert werden.
Die zweite Bibel hatte, wie die Zahl der vorhandenen 63 Blätter des Alten Testaments bereits andeutet, schon zuvor eine turbulente Geschichte hinter sich. Die Bibel, leider inkomplett, war 100 Jahre zuvor, vom ersten Leiter der Stadtbibliothek Johann Hugo Wyttenbach, in einem Bauernhaus in Olewig gefunden worden. Er berichtet hierüber wie folgt: „Diesen 2ten Teil der Biblia Moguntina, durch Guttenberg gedruckt, habe ich im September 1828 gerettet, da dieser höchst seltene Druck auf dem Punkte war gänzlich zerstört zu werden.“ Nach dem Besuch in Olewig hatte Wyttenbach festgestellt, dass es sich bei den Blättern in einem fürchterlichen Zustand nicht um Altpapier, sondern um eines der wertvollsten Bücher der Welt handelte. Hundert Jahre später war dessen Nachfolger Gustav Kentenich für diese Entdeckung sehr dankbar und erhoffte mit dem Verkauf einen Teil der Mittel für einen Neubau der Stadtbibliothek zu erhalten.

Für den ersten intakten und den zweiten inkompletten Band hatte der Leipziger Antiquar Hiersemann einen Käufer gefunden, der bereit war, für die beiden Bände 450.000 Reichsmark zu zahlen. Kentenich lehnte das Angebot direkt ab. Er wollte sich auf keinen Fall von dem wertvollen ersten Band trennen. Anfang 1932 hatte Hiersemann aus Leipzig erneut nach Trier geschrieben: „Sehr geehrter Herr Direktor, leider finde ich Sie über meinen Vorschlag betreffend die Gutenbergbibel nicht so begeistert, wie ich eigentlich erhoffte. (…) Ich bitte daher nochmals, sich die Sache durch den Kopf gehen zu lassen.

Es war keine einfache Entscheidung. Kentenich wollte trotz der finanziellen Notlage nicht die komplette Bibel verkaufen. Aber 60.000 Mark, die die Bibliothek bei der ersten Versteigerung bekommen hatte, waren für das Bauvorhaben viel zu wenig. Der Neubau sollte rund 400.000 Mark kosten, davon wurden 180.000 Mark von der Stadt bereitgestellt. Kentenich versuchte also weiterhin, nur den zweiten unvollständigen Band zu verkaufen. „Auf ein erstes Angebot von Hiersemann vom 7. Juli 1932, das der Hoffnung entsprach, die Bibel für nur 150.000 Rmk. verkaufen zu können, hatte der Beschlussausschuss der Stadtverordnetensammlung beschlossen, diesem Angebot stattzugeben. Somit wurde der Bibelband am 2. November wieder an Hiersemann gesandt“, lesen wir in den Unterlagen der Stadtverwaltung. Kentenich war auch in regelmäßigem Kontakt mit Oberbürgermeister Heinrich Weitz. Er schrieb ihm, dass die Gutenbergbibel an Hiersemann versandt wurde, „damit auch keine Stunde bzw. keine Chance des Verkaufs ungenutzt bleibe.“ Der zweite Band wurde in den nächsten Jahren einige Male in einem gepanzerten Safe von Trier nach Leipzig und wieder zurück transportiert. Aber es fand sich kein Käufer. Auch andere Antiquare hatten sich darum bemüht, die Bibel zu verkaufen, aber auch sie hatten keine Kunden gefunden. Am 31. März 1934 schied Kentenich freiwillig aus dem Dienst, „da er sich seiner geistigen Bewegungsfreiheit nicht beschneiden lassen wollte."

Zu seinem Nachfolger wurde Alexander Röder ernannt. Weitere Anfragen strömten ins Haus, dieses Mal waren die Schreiben mit „Deutschen Grüßen“ oder „Heil Hitler“ signiert, aber es kam wieder nicht zum Verkauf. Erst im Sommer 1936 änderte sich die Lage, als ein Brief des renommierten Auktionshauses Sotheby‘s die Stadtbibliothek erreichte. Dieser Brief kündigte Geoffrey Dudley Hobson an, der als angesehener Experte und Direktor der Buchabteilung der Firma gerade durch Europa reiste und auch nach Trier kommen wollte. Am 12. August um 10 Uhr besuchte Hobson die Stadtbibliothek. Zwei Wochen später schrieb er aus London, dass man schon einen Käufer gefunden habe. Als Vermittler würde der Antiquar Eilhard Mitscherlich aus Frankfurt am Main dienen. Kurz darauf antwortete Röder Hobson: „Ich bin erfreut Ihnen mitteilen zu können, dass Herr Mitscherlich vor einigen Tagen den Band kaufen konnte.“ Als die Bibel, später genannt Trier II, die Stadt im Spätsommer 1936 verlassen hatte, bedeutete dies zugleich das Ende einer Ära, der Ära der jüdischen Unternehmen in Deutschland.

Der geheimnisvolle Käufer, der Sotheby’s beauftragt hatte, war der Besitzer einer sehr erfolgreichen Chemikalienfabrik in Deutschland. Der Erfolg der Firma basierte auf der intensiven innerbetrieblichen Forschung. Der Gründer des Unternehmens, Joachim Wiernik, wurde 1864 in eine kaufmännische Familie in Czenstochau hineingeboren. Czenstochau, eine Kleinstadt im heutigen Polen, hatte damals zirka 10.000 Einwohner, ein Drittel davon waren Juden. Joachim Wiernik muss sehr talentiert gewesen sein, wenn man bedenkt, dass er bereits im Alter von 23 Jahren in Zürich promoviert wurde. Heute werden die Wissenschaftler, die 26 Jahre alt sind, als sogenannte „Turbo-Doktoren“ bezeichnet. Joachim Wiernik war drei Jahre jünger, das war eine erstaunliche Leistung. Der hochbegabte Junge hatte nicht nur schnell gelernt, er hatte auch sehr clever seinen Studiengang gewählt: Chemie. Trotz der rechtlichen Gleichstellung der Juden waren die Chancen für einen Berufserfolg in vielen Bereichen sehr gering. Eine Chemikerausbildung aber versprach gute Karriereaussichten. In den nächsten Jahren sammelte Joachim Wiernik Erfahrungen in verschiedenen Fabriken in Frankreich und Deutschland, wo er tüchtig im Labor forschte und seine Erfindungen patentieren ließ. 1898 entschied er sich, eine eigene Produktionsstätte in Halle zu errichten. Die Fabrik produzierte pharmazeutische Präparate, technische Fette, Schmiermittel, Firnisse, Lacke, Anstrichfarben und chemische Präparate für gewerbliche Zwecke.

Dies war ihm aber nicht genug. Nach einem Zeitraum von zehn Jahren entschloss er sich, den Sitz des Unternehmens zu wechseln. Das Ziel war die neue große Metropole Deutschlands: Berlin. Die Stadt, 1871 zur Hauptstadt des Deutschen Reiches ernannt, wuchs rasant, von 36.000 Einwohnern auf über 144.000 im Jahr 1910. Genau dann hat Joachim Wiernik seine gut prosperierende Firma dorthin verlegt. Berlin blühte auf als Kultur-, Wissenschafts- und Industriezentrum. Der neue Sitz der Dr. Joachim Wiernik & Co. G.m.b.H war in Berlin-Neukölln. Aufgrund der systematischen Forschung und der Entwicklung marktfähiger Erfindungen, die auch patentiert wurden, war der Fabrik großer Erfolg beschieden. Auch der jüngste Sohn von Joachim Wiernik, Maximilian, hatte sich für das Chemiestudium entschieden und wurde mit 23 Jahren promoviert. Er war für die betriebliche Forschung und Entwicklung des Firmenlabors zuständig. Nach dem Tod des Fabrikgründers Joachim Wiernik im Jahr 1915 sorgten die beiden Söhne, der Chemiker Dr. Maximilian Wiernik und der Nationalökonom Dr. Lucian Wiernik, für die weitere Entwicklung des Unternehmens. Sie vergrößerten die Fabrik und wandelten sie im Jahr 1922 in eine Aktiengesellschaft um. Neben Maschinenlacken und Ölfarben stellte die Firma auch verschiedene medizinische Präparate her. Besonders die Produktion von Medikamenten nahm in den zwanziger Jahren zu. Die Fabrik patentierte mehrere Pharma-Präparate, u. a. Pacyl, ein Arzneimittel gegen erhöhten Blutdruck oder Sedicyl zur Bekämpfung klimakterischer Beschwerden. Eine Tube des Sedicyls kann man im Science Museum in London finden. Diese Medikamente wurden auch ins Ausland exportiert. Anfang der 1930er Jahre war die Firma auf dem sicheren Weg zum internationalen Erfolg. Sie beschäftigte über 200 Mitarbeiter. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde es den Gebrüdern Wiernik jedoch unmöglich, die Fabrik in Berlin weiter zu leiten.

1936 wurde die Firma arisiert. Aber der Name DIWAG wurde als eine anerkannte Marke beibehalten, obwohl der Name aus den Initialen des Unternehmensgründers Doktor Joachim Wiernik und seiner Aktiengesellschaft stammte. Die Brüder Wiernik suchten nach einer Möglichkeit, die Firma im Ausland weiterzuführen. Hilfreich dabei hatte sich ein altes Buch erwiesen, dass Maximilian Wiernik in Trier hatte kaufen lassen. Im Sommer 1937 hatte Sotheby‘s eine Gutenbergbibel „property of a gentleman“ auktioniert, die in einer Auktion als einziges Los angeboten wurde. Der Verkauf erreichte einen Preis von 8000 Pfund. Bei dem Verkauf war auch ein anderer jüdischer Gentleman involviert, einer der bekanntesten Antiquare der Welt: Abraham Rosenbach. Seine Rara-Sammlung in Philadelphia war schon damals einzigartig: Er besaß die Handschrift des „Ulysses“ von James Joyce und viele Briefe von George Washington. 1937 war Rosenbach eine Berühmtheit und bei der Versteigerung der Bibel aus Trier als Vermittler tätig. Das wertvolle Buch wurde durch den wohlhabenden Industriellen Arthur Amory Houghton Jr. erworben. Er war ein großer Bücherkenner und kurz nach der Auktion bei der Kongressbibliothek in Washington als Kurator tätig. Die Bibel wurde auseinandergenommen. Einige Blätter tauchen auch heute noch ab und zu auf dem Markt auf, wie z. B. ein Blatt aus dem Buch Ezechiel. Es erreichte 1998 bei Christie‘s in New York einen Preis von mehr als 25.000 $. Nach dem Verkauf der Bibel gründete Maximilian Wiernik in Shrewsbury, England, die „Veritas Drug Company“. In der neuen Firma wurden die auf DIWAG patentierten Medikamente produziert. Seine beiden Kinder haben in England ein Medizin-Studium abgeschlossen. Lucian Wiernik wanderte nach Frankreich aus, seine Familie hat den Krieg überlebt.
Und die Bibel Trier II? Sie ist wie keine andere Gutenbergbibel über die ganze Welt zerstreut. Das Jahr 1937, das für die Familie Wiernik den Einstieg in ein neues Leben bedeutete, war für die Gutenbergbibel aus der Stadtbibliothek Trier das Ende ihrer Existenz als Buch. Die verschiedenen Teile und einzelnen Blätter sind auf über 40 Institutionen und Sammler verstreut, u. a. in Deutschland im Gutenbergmuseum in Mainz und in der Landesbibliothek in Stuttgart. Das Neue Testament wurde durch die Lilly Library in Bloomington Indiana gekauft, das Buch des Propheten Jeremia hat die Bridwell Library in Dallas erworben. Andere Blätter sind u. a. in der Osaka College Library in Japan, in der University of Calgary Library in Canada oder in der American Bible Society in New York zu sehen.

Ein Blatt aus dieser Bibel wurde noch durch Wyttenbach an einem Buchsammler in Metz verkauft und 1985 wieder durch die Stadt Trier erworben. Somit ist diese Seite stellvertretend für die Gutenberg Bibel Trier II zusammen mit vielen hebräischen Fragmenten, die in den Inkunabeln aus Trierer Klöstern eingebunden waren, eng mit dem jüdischen Leben in Deutschland verbunden.

Dieser Beitrag wäre nicht ohne die vielfältige und freundliche Hilfe von Frau Celia Charlton entstanden.

 
Bildergalerie
  • Blatt aus der Gutenbergbibel Trier II