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Buch des Monats April 2021 - Zwischen Sabbioneta und Mantua

Veni, vidi, audivi - Zwischen Sabbioneta und Mantua
Veni, vidi, audivi - Zwischen Sabbioneta und Mantua

Hier geht's zum Podcast (MP3). (Musik-Quelle: www.musicfox.com)

Podcast in Kooperation mit:
Agentur textschnittstelle | mediencontent & text Bettina Leuchtenberg M.A.

Zu den zwanzig ältesten Offizinen Italiens, die jüdischen Bücher druckten, gehörte auch eine Buchdruckerei in der kleinen Stadt Sabbioneta. Die bekannte Idealstadt in der Lombardei, die heute auf der Liste der Unesco-Welterbestätten steht, wurde zwischen 1554 und 1571 durch Vespasiano Gonzaga gegründet. In der neuen Residenzstadt waren die Juden willkommen Viele, die im Kirchenstaat diskriminiert wurden, haben sich in Sabbioneta niedergelassen. Schon vor der neuen Gründung der Stadt, zirka 1551, hat dort Tuvia (Tobias) Foà mit der Erlaubnis von Vespasiano Gonzaga eine hebräische Buchdruckerei errichtet. Noch während der Bauphase hat das erste Buch die Buchpresse verlassen.

In der Druckerei arbeiteten viele Experten, unter anderem der aus einer deutschen Familie stammende und in Venedig ausgebildete bekannte Drucker Cornelius Adelkind. Er verließ die Lagunenstadt Venedig 1553, nachdem Papst Paul IV. die Konfiszierung und Verbrennung vieler jüdischer Schriften angeordnet hat. Betroffen waren neben Venedig, einem der wichtigsten Zentren des hebräischen Buchdrucks in Italien, viele andere Städte wie Rom, Bologna oder Padua. Die Offizine wurden geschlossen und die hebräischen Handschriften und Druckerzeugnisse vernichtet. Es gab Bücherverbrennungen, bei denen der Talmud und andere verbotene Werke dem Feuer zum Opfer fielen. Eine der größten Bücherverbrennungen fand am 9. September 1553 am Rosch ha-Schana, dem jüdischen Neujahrstag, auf dem Campo di Fiori in Rom statt. Auf diesem Schauplatz der Inquisition wurde später auch der Scheiterhaufen für Giordano Bruno errichtet.

Viele in Italien entstandene Frühdrucke sind den Flammen zum Opfer gefallen, weswegen die Anzahl der bis heute erhaltenen Bücher so gering ist. In nur wenigen Städten durften die hebräischen Buchdrucker nach 1553 tätig sein – dort, wo sie unter dem Schutz eines mächtigen Herrschers in Sicherheit waren, wie in Sabbioneta. Dies war auch der Grund, warum „keine andere Druckerei in diesem Jahrhundert mehr Glück mit der Zahl und Qualität der Mitarbeiter hatte“, wie der Wissenschaftler David Werner Amram meint. Neben dem bekannten Drucker Cornelius Adelkind waren dort auch andere Gelehrte aktiv, die in Venedig keine Beschäftigung mehr fanden. In der Werkstatt von Foà arbeiteten auch Vertreter der jüdisch-spanischen Familien, die sich nach der Verbannung der Juden aus Spanien in Italien niedergelassen hatten. Unter ihnen war u. a. auch Joshua Boaz Baruch, der hier eine Anstellung als Schriftsetzer und Korrektor fand. Auch christliche Experten aus der Schweiz haben bei der Entstehung der Bücher mitgeholfen: Gaspare Griffi und Rodolfo di Zurigo, die neben Hebräisch- und Latein- auch Griechischkenntnisse vorweisen konnten. Die Druckerei war ein interkulturelles Projekt, eine Insel der Freiheit in Italien unter der Macht der Inquisition. Die jüdischen Denker und Handwerker kämpften für die Erhaltung des jüdischen Kulturerbes – unterstützt durch christliche Buchdruckexperten. Forscher vermuten, dass Tobias Foà unter dem Schutz der Gonzaga den organisatorischen Rahmen und eine Unterkunft zur Verfügung stellte. Seine Partner unterstützten ihn finanziell, intellektuell und handwerklich. Und obwohl wir über die Druckerei von Tobias Foà sprechen, ist sie wie ein Partnerschaftsunternehmen zu sehen. Wie stolz Foà auf sein Unternehmen war, zeigt das Druckereiabzeichen, das aus einer mit dem Davidstern gekrönten Palme zwischen zwei Löwen besteht. Es gilt als eine der frühesten Nutzungen dieses Symbols als Druckermarke. Das Bild ist heute auf der Decke der kleinen Synagoge in Sabbioneta zu sehen. Die Straße, welche die Buchdruckerei beheimatete, heißt heute Via della Stamperia.

Mit der Schließung vieler Werkstätten war die Nachfrage nach den Büchern groß geworden und die Druckerei prosperierte gut. Manche Bücher, deren erste Ausgabe in Venedig verbrannt wurde, wurden mit Hilfe der venezianischen Experten in Sabbioneta zum zweiten Mal gedruckt. Die Druckerei fertigte u. a. die heiligen Schriften des Judentums wie Thora oder Mischna. Auch die Bücher bekannter jüdischer Denker wie „Führer der Unschlüssigen“, das Hauptwerk von Maionides, oder „Chronik der Könige von Frankreich und der Dynastie Ototman des Türken“ von den Chronisten Joseph ha-Kohen sind in Sabbioneta entstanden. Für die wohlhabenden Auftraggeber druckte Tobias Foà sogar Ausgaben auf Pergament. Einige Bücher wurden für den Export, u. a. nach Deutschland, gedruckt.

Um 1554 ist der Gründer der Werkstatt, Tobias Foà, gestorben und das Unternehmen wurde von seinen Söhnen Eliezer und Mordecai weitergeführt. Die Blütezeit der Druckerei dauerte nicht lange, sie war ein Dorn im Auge der Inquisition, die in der sechsten Dekade des 16. Jahrhunderts weitere Schritte gegen das Judentum unternahm. Unter anderem wurde der Talmud auf den Index, das Verzeichnis der verbotenen Bücher gesetzt, den ‚Index librorum prohibitorum’. 1559 kam es in dem nahe gelegenen Cremona wieder zu Bücherverbrennungen. Sabbioneta gehörte zur Diözese Cremona und das war wahrscheinlich einer der Gründe, warum die Werkstatt nach 1559 nicht mehr produzieren durfte.

Manche Wissenschaftler vermuten sogar, dass der erste Mischna-Teil, oder korrekt gesagt die erste Ordnung, die auch in Trier vorhanden ist, nur teilweise in Sabbioneta gedruckt wurde. Als Druckort der zweiten Ordnung aus dem Jahre 1561 ist auf der Titelseite schon Mantua angegeben, welches ebenfalls auf eine lange Tradition des hebräischen Buchdrucks blicken konnte. Die Ausstattung der Werkstatt in Sabbioneta, etwa die wertvollen Setzkästen mit den Typen, wurde zwischen den Mitarbeitern aufgeteilt. Jacob Ha-Cohen, brachte die Typen nach Mantua mit und beendete dort die Ausgabe der Mischna. Auch der in der Werkstatt der Familie Foà ausgebildete christliche Drucker Vincenzo Conte übernahm einen Teil der Ausstattung und war danach als Drucker in Sabbioneta tätig.

Dass die Ausgabe der Mischna in der Wissenschaftlichen Bibliothek der Stadt Trier eine komplizierte Entstehungsgeschichte hat, bestätigen die verschiedenen Druckorte. Das Werk mit den Kommentaren von dem bekannten jüdischen Philosophen Maimonides und dem Talmudisten Obadja Bertinoro wurde in mehrere Teile, sogenannte Ordnungen, geteilt. Wenige Illustrationen wurden den Büchern beigefügt, z. B. der Schaubrottisch – ein Ritualgegenstand. Die Wichtigkeit der Abbildungen wird durch viele Kommentare im Bild deutlich, die genaue Erklärungen liefern. Die reich dekorierten Titelseiten mit den nach Renaissance-Geschmack gestalteten architektonischen Rahmen, manchmal mit allegorischen Figuren dekoriert, sind sehr ungewöhnlich für jüdische Drucke. Auf der Titelseite des ersten Bandes sind die römischen Gottheiten Mars und Minerva zu sehen. Dieser Stich wurde mehrmals in Foàs Werkstatt verwendet. Dreißig Jahre vorher schmückten sie schon über 20 Titelseiten aus der Druckerei von Francesco Minizio Calvo, einem christlichen Drucker in Rom und Mailand. Mars und Minerva, die inhaltlich nicht zu den jüdischen Titeln passen, wurden wahrscheinlich aus finanziellen und zeitlichen Gründen benutzt. Das zeigt nicht nur die Intensität der Buchproduktion in Sabbioneta, sondern auch einen engen intellektuellen und handwerklichen Austausch und eine interkulturelle Zusammenarbeit zwischen christlichen und jüdischen Druckern.

Die Druckerei von Tobias Foà war nur wenige Jahre in Betrieb, auch deswegen sind dort entstandene Werke heute sehr selten. In deutschen Bibliotheken sind nur wenige Exemplare vorhanden, neben Trier in der Staats- und Universitätsbibliothek in Göttingen und in der Universitätsbibliothek in Frankfurt am Main. Die Exemplare aus der Stadtbibliothek in Berlin sind im Krieg zerstört worden. Ein Schatz der jüdischen Kulturgeschichte gelangte mit der Schenkung des Lehrers Isaac Levy in die Stadtbibliothek Trier. Levy wurde 1805 in Trier geboren, besuchte das jüdische Lehrerseminar in Köln und legte mit 24 Jahren die Prüfungen ab. Zwischen 1837 und 1877 war er in Trier als Lehrer tätig. Er baute eine Bibliothek auf, die mehreren Generationen von Schülern offenstand. Während der vier Dekaden, in denen Isaac Levy in Trier unterrichtete, wurden die Bücher aktiv benutzt, was man auch heute an vielen Exemplaren im Bestand der Wissenschaftlichen Bibliothek der Stadt Trier erkennen kann. Die wertvolle Mischna ist aber in gutem Zustand, sie wurde im Unterricht nicht oft benutzt. Die Stationen des Buches zwischen Mantua und Trier sind nicht bekannt. Wer das wertvolle Buch neben dem Besitzer studiert hat, können wir nicht feststellen. Wir wissen aber, dass mindesten zwei Trierer Rabbiner, Moses Samuel Zuckermandel, der zwischen 1881 und 1891 Oberrabbiner war, und sein Nachfolger Dr. Jakob Baßfreund Beiträge über die Mischna verfasst haben. Es ist also höchstwahrscheinlich, dass die wertvolle Ausgabe der Stadtbibliothek auch ihnen bekannt war.

Die Mischna aus der Druckerei Foà ist eine Besonderheit, seltener als die Gutenbergbibel. Sie steht stellvertretend für das jüdische Kulturerbe, das trotz der Verfolgungen und Büchervernichtungen immer noch in den öffentlichen Sammlungen Deutschlands vorhanden ist. Auch das Schicksal der Gutenberg-Bibel in Trier, besonders des sogenannten Exemplars „Trier II“, das 1937 verkauft, wurde war bitter. In einer der nächsten Folgen unseres Podcast erinnern wir an diese Geschichte. Die Gefahr, der die Mischna, die jetzt in Trier ist, ausgesetzt war, ist damit aber nicht vergleichbar. Das Buch, über die Jahrhunderte geschützt und durch Generationen weitergegeben, wurde zum Bestandteil des kulturellen Erbes des Stadt Trier. Ein kostbares Meisterwerk und Beispiel der frühen jüdischen Buchdruckkunst zugleich.

Wir bedanken uns herzlich bei Herrn Stefano Patuzzi für die Zusendung der Informationen über die Druckerei von Tobias Foà. Grazie mille!

 
Bildergalerie
  • Druckerabzeichen Tobias Foà
  • Mischna, Wissenschaftliche Bibliothek der Stadt Trier, Signatur: Ju 6