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Autor des Monats August 2021 - Verrückt nach Dante

Veni, vidi, audivi - Verrückt nach Dante
Veni, vidi, audivi - Verrückt nach Dante

Hier geht's zum Podcast (MP3). (Musik-Quelle: www.musicfox.com)

Podcast in Kooperation mit:
Agentur textschnittstelle | mediencontent & text Bettina Leuchtenberg M.A.

Wenn man das erste Mal durch die vierte Etage der Wissenschaftlichen Bibliothek der Stadt Trier durch das Nordmagazin läuft und plötzlich bemerkt, dass ein ganzes Regal nur mit Büchern von Dante gefüllt ist, denkt man für einen kurzen Moment, man träumt. Dreht man sich um und sieht, dass das gegenüberliegende Regal ebenfalls nur Bücher des italienischen Humanisten birgt, fragt man sich, ob man nicht den Verstand verloren hat. Um die Kollegen nicht zu beunruhigen, geht man schnell zum Schreibtisch und überprüft kurz die Signaturen im Katalog. Dann erst stellt man fest - und dies löst ein fast metaphysisches Gefühl der Freude aus - es ist kein Traum. Es ist wahr! Und ein Paradies für Dante-Liebhaber!

Am 14. September 2021 jährt sich der Todestag des größten italienischen Dichters zum siebenhundertsten Mal, weswegen es nun der richtige Zeitpunkt ist, um über ein etwas verstecktes Dante-Denkmal in Trier zu sprechen. Wir sehen oft Dantes Gesicht am Balduins-Brunnen, aber ein beeindruckendes anderes Zeugnis bleibt unsichtbar. Die große Sammlung von Dante-Ausgaben und kritischen Werken über den italienischen Humanisten – diese hat ein Bürger der Stadt Trier über Jahrzehnte zusammengestellt und schließlich seiner Heimatstadt vermacht.

Franz Xaver Kraus war es, einer der meistgeschätzten Dante-Kenner seiner Zeit. Seine über 10.000 Bände umfassende Bibliothek ist heute im Besitz der Stadt Trier. Kraus wurde am 18. September 1840 in eine bürgerliche Familie in Trier hineingeboren und entwickelte sich zu einem berühmten Kunst- und Kirchenhistoriker. Seine Interessen an Kunst und Geschichte wurden wahrscheinlich auch durch die Tätigkeit seines Vaters, der als Zeichenlehrer am Städtischen Gymnasium arbeitete, geweckt. Gegen 1860 ging Kraus nach Paris, um sich dort autodidaktisch weiterzubilden. In dieser Zeit hat er das erste Exemplar der „Göttlichen Komödie“ gekauft, und so begann eines der größten intellektuellen Abenteuer seines Lebens. Dank der Tagebücher, die Kraus seit dem Alter von 15 Jahren an schreibt und die er bis zu seinem Lebensende fortführt, können wir seine Faszination für Dante miterleben. Alles fängt mit einem Bücherkauf an. Am 5. November 1860 notiert Kraus in Paris: „Ich habe einige Bücher gekauft: u.a. Dante, Divina Commedia.“. Das Buch wurde ein treuer Begleiter des Gelehrten, acht Jahre später schrieb er in Pfalzel nieder: „Sonst lese ich augenblicklich die „Göttliche Komödie.

Nach der Wiederaufnahme des Theologiestudiums empfing Kraus 1864 in Trier die Priesterweihe. Im Jahr 1878 wurde er zum Professor für Kirchengeschichte nach Freiburg berufen. Zu dieser Zeit hat er an einem Werk über Dante gearbeitet. Das Lesen von Dante wurde für Kraus zu einer gern gepflegten Routine, worauf der Tagebucheintrag vom 4. August 1891 hindeutet, geschrieben in einem Waldhaus in der Schweiz. Jeden Abend liest Kraus einen Canto der „Divina Commedia“. Ab 1890 finden sich immer häufiger Zitate in seinen Tagebüchern, welche seine fortgeschrittene Kenntnis am Opus Magnum und die enge Verbindung zu Dantes Welt erkennen lassen. Am 3. Dezember 1892 notiert Kraus in Freiburg:
Heute ist mein Namenstag. Ich bin zufrieden mit meinem Namen. Ich wünschte, den Tag mehr in Frieden mit mir zuzubringen (…) Aber er wird mir wieder ein Anstoß sein, mich von den Dingen dieser Welt abzuwenden, wie auch die stete Beschäftigung mit Dante mir nach dieser Richtung sicher wohltun.
Dante wird zu seinem treuen Begleiter, besonders an den Festtagen denkt Kraus an ihn. Am 18. September 1895 schreibt er: „Es ist mein 55. Geburtstag und sicher kein froher. (…) Ich arbeite fleißig an meinem Dante, nicht ohne „Genuß“, aber auch nicht ohne die Empfindung, daß es mit meiner Leistungsfähigkeit bald wird zu Ende gehen. Alle Aspekte der Zukunft sind dunkel und traurig – mi ritrovai in un selv‘oscura.

Neben den traurigen Momenten, in denen die Werke des italienischen Dichters Kraus Trost spendeten, gab es auch die schönen Zeiten der Forschung über den großen Schriftsteller. Familie Villari veranstaltete in Florenz eine Dante-Soirée, zu der viele Dante-Begeisterte eingeladen wurden. Unten den Geladenen waren Wissenschaftler, Bibliothekare und Politiker aus England und Italien, die Krauses Faszination teilten. Es muss ihm viel bedeutet haben, sich mit Gleichgesinnten über seine große Leidenschaft austauschen zu können.

Auch am 2. November 1897 findet sich im Tagebuch ein fröhlicher Eintrag: „„Dante“ ist nun abgeschloßen und soll bis Weihnachten erscheinen.
Am Weihnachten 1897 notierte Kraus wieder niedergeschlagen: „Einsam, still, resigniert. Ein Mann, der sein Leben gelebt hat und den die zunehmende Erschöpfung daran mahnt, daß seiner Tage nicht viele mehr sein können. „Dante“ trug mir viele Freunde ein.

Nach der Veröffentlichung des Buches „Dante. Sein Leben und sein Werk, sein Verhältnis zur Kunst und zur Politik“ erhielt der Forscher zahlreiche Gratulationsbriefe, auch vom deutschen Kaiser. Sein Dante-Werk wurde hochgeschätzt, viele bezeichneten die Monographie als grundlegend und originell.
Was die Laune von Kraus immer verbesserte, war die Sonne Italiens. Dank des Honorars für das Dantewerk konnte er sich wieder eine Reise nach Rom und Florenz leisten. Das Buch wurde auch in Italien hochgelobt; trotz vieler positiver Stimmen wurde es jedoch nie ins Italienische übersetzt.

Um die Gesundheit des Historikers war es nicht gut bestellt, sogar das Klima Italiens konnte seine Leiden nicht lindern. Erst nach der Rückkehr nach Freiburg konnte Kraus sich erholen. Die Bücher und Kunstwerke, die er während der Reise erworben hatte, wurden aus Italien nachgesandt. Selbstverständlich durften Dante-Ausgaben nicht fehlen, aber das wichtigste Buch, das Kraus gerade gekauft hatte, war etwas ganz Besonderes.
Am 29. Mai 1898 schrieb er: „Endlich erwarb ich von Olschki in Florenz, aus der berühmten Auktion des Fürsten Boncompani, die 1465 datierte Dantehandschrift, nebst den Editiones principes der „Vita nuova“ und „Convito“. Alles Dinge, die zu kaufen wohl Torheit ist, die ich mir aber nicht wollte entgehen lassen, da ich mit meiner Dantebibliothek meiner Vaterstadt Trier ein wirklich wertvolles und großes Geschenk machen wollte.“ Bis heute ist die Handschrift das Prachtstück der Dante-Sammlung der Wissenschaftlichen Bibliothek der Stadt Trier.

Kirchenhistorisch betrachtet war Kraus ein Vorkämpfer des Reformkatholizismus. Seine Werke enthielten kritische Bemerkungen gegenüber der römisch-katholischen Kirche, die seinen Werdegang in der kirchlichen Hierarchie sehr erschwerte. Schon mit seiner Veröffentlichung „Der heilige Nagel in der Domkirche zu Trier“ aus seinen jungen Jahren sorgte Kraus in konservativen Kreisen für Empörung. Er selbst blieb jedoch der Maxime Dantes „Non ti curar di lor, ma guarda e passa” (Geh deinen Weg und lass die Leute reden, Inf. III, V. 69) sein Leben lang treu. So löste das Dantewerk auch einen Konflikt mit dem Vatikan aus, was wir aus einem Eintrag von 30. Juni 1899 erfahren: „Es ist eine schwere Krisis, in der ich stehe. Geht Rom weiter vor, etwa mit Zensurierung meines „Dante“ usw., bleibt mir schwerlich etwas Anderes übrig, als der schließliche Austritt aus der Theologischen Fakultät. Viel gewichtiger ist die innere Krisis. Kann ich nicht mehr Katholik sein, ohne mich der ganzen, mit dem Ultramontanismus identifizierenden politischen und antiwissenschaftlichen Leitung des Vatikans völlig zu unterwerfen, was dann?

Im September 1900 verfasste Kraus sein Testament. Seiner Heimatstadt hinterließ er seine über 10.000 Bände zählende Bibliothek mit der bedeutenden Dante-Sammlung. Auch seine Tagebücher und seine Korrespondenz, die erst 50 Jahre nach seinem Tod veröffentlicht werden durften, wurden der Stadtbibliothek übergeben. In seinem letzten Lebensjahr wurde Franz Xaver Kraus die Ehrenbürgerschaft der Stadt Trier verliehen. Am 28. Dezember 1901 ist er in San Remo gestorben. Die Tagebücher von Kraus wurden 1951 publiziert, aber sogar damals noch galten seine Gedanken als zu modern und liberal. Kurz nach Erscheinen der Ausgabe intervenierte der Vatikan und die Auslieferung in den Handel und Bibliotheken wurde eingestellt.

Oft, wenn man eine Privatbibliothek sieht, die mehrere Tausend Bände umfasst, wird dem Sammler die Frage gestellt: „Hast du alle diese Bücher gelesen?“. Kraus kann uns keine Antwort mehr geben, aber wir können sicher sein: einen Großteil der Sammlung hat er bestimmt gelesen, da es sich um viele Ausgaben des Meisterwerks von Dante handelt, das Franz Xaver Kraus gründlich erforscht hat.
Im Dantejahr, in dem weltweit in verschiedenen Ausstellungen und Veranstaltungen des italienischen Dichters gedacht wird, sollten wir auch in Trier Franz Xaver Kraus und seine große Leidenschaft nicht vergessen.