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Druckerei des Monats März 2021 - Aus reiner Liebe zur Wissenschaft: Die Druckerei der Gebrüder Maas und Mayer in Trier

Veni, vidi, audivi - Verlag Maas und Mayer
Veni, vidi, audivi - Verlag Maas und Mayer

Hier geht's zum Podcast (MP3). (Musik-Quelle: www.musicfox.com)

Podcast in Kooperation mit:
Agentur textschnittstelle | mediencontent & text Bettina Leuchtenberg M.A.

Die Emanzipation der Juden war in der zweiten Hälfe des 19. Jahrhunderts auch in Trier spürbar und eröffnete ein neues Kapitel in der Geschichte der jüdischen Gemeinde. Deutlich wird dies beispielhaft an zwei prominenten stadtbildprägenden Gebäuden. Die Einweihung der neuen Synagoge am Zuckerberg war möglich geworden dank des Engagements des Rabbiners Joseph Kahn, ein Verfechter des progressiven Judentums. Hermann Haas wiederum gründete an der Ecke Neu- und Fahrstraße ein Geschäft, das zum größten Kaufhaus der Stadt wurde.

Die lebendige Gemeinde war eine Anregung für die jüdischen Unternehmer aus der Region, in Trier Geschäfte zu eröffnen. So verlegte der Kaufmann Jonas Maas 1865 seine Firma nach Trier und meldete den bisherigen Hauptsitz in Maring als Zweigniederlassung an. Er war jedoch nicht nur als Kaufmann tätig, seit 1825 verfügte er zudem über ein Zeugnis des Großrabbiners Samuel Marx, welches ihn befähigte, jüdischen Religionsunterricht zu erteilen.

1867 haben die Söhne von Jonas Maas, Albert und Ferdinand, die Firma in Trier übernommen und das erfolgreiche Unternehmen »Gebr. Maas & Comp.« gegründet. Zusammen mit dem Kaufmann Adolph Mayer, der damals (laut Königlich-preußischem Staats-Anzeiger) in St. Louis, im Staate Missouri in Nordamerika wohnte, entwickelten sie ein ambitioniertes Projekt. Sie gründeten einen Kolonialwarenhandel, eine Papierfabrik und Papiergroßhandlung, eine Buchdruckerei und schließlich ab zirka 1890 einen eigenen Verlag. Dieser spezialisierte sich auf jüdische Literaturgeschichte. Der Buchverlag wurde durch den jüngeren Bruder von Adolph Mayer, Sigmund Mayer, geleitet und trug ab 1891 auch dessen Namen.

Die Gebrüder Mayer gehörten zur intellektuellen Elite Triers. Ihr Vater war Dr. Samuel Mayer, Rabbiner und promovierter Rechtsanwalt aus Hechingen. Bereits in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts wohnte Elise Mayer, die Tochter von Samuel Mayer, in Trier. Die Familien Mayer und Maas waren durch mehrere Ehen miteinander verwandt. Adolf Mayer und Ferdinand Maas waren mit den Töchtern des reformierten Talmudlehrers Isaias Heidegger aus Fürth verheiratet. Die Stadt Fürth galt als wichtiger Ort der jüdischen Buchherstellung.

Der Mitgründer des Unternehmens, Adolph Mayer, ist spätestens 1870 aus Amerika nach Trier gezogen, wo seine fünf Kinder zur Welt gekommen sind. Nach dem Tod seines Vaters, des Rabbiners Samuel Mayer im Jahr 1875, sind auch die Witwe Helene und der jüngste Sohn Sigmund aus Hechingen nach Trier gezogen. Wenige Jahre später, im Jahr 1881, erschien in Trier dank der Bemühungen von Sigmund Mayer das Buch des Universalgelehrten Israel Michel Rabbinowicz. Dessen Titel „Einleitung in die Gesetzgebung und die Medizin des Thalmuds“ zeigt die Ambitionen des jungen Unternehmens deutlich auf.

Herr Sigmund Mayer hat (das Buch) aus dem Französischen übersetzt und hier für das deutsche Publikum drucken lassen. Er that dies ohne irgend einen materiellen Zweck aus reiner Liebe zur Wissenschaft, welche Liebe er von seinem Vater geerbt, dem Herrn Dr. Samuel Mayer, Rechtsanwalt und Rabbiner in Hechingen, der ein höchst bedeutendes Werk mit grosser Gelehrsamkeit und mit grossem Fleisse zum Nutzen der Rechtswissenschaft im Allgemeinen und zur Ehre des jüdischen Rechtes insbesondere geschrieben.

Das Werk erschien 1881 bei Lintz in Trier, die zweite Auflage 1883 bei Schulze in Leipzig. Heute ist das Buch in Deutschland nur in wenigen Bibliotheken vorhanden. In Trier kann man ein Exemplar in der Bibliothek des Priesterseminars einsehen.

Nach der Berufung des in Breslau ausgebildeten Dr. Theodor Kroner zum Rabbiner in Trier im Jahr 1879, kam es zur Spaltung der jüdischen Gemeinde. Die orthodoxen Mitglieder gründeten eine separate Gemeinde, mit Dr. Herz Naftali Ehrmann als Rabbiner. In der Folge wurde die Berufung Kroners annulliert. Die Familien Maas und Mayer haben das reformierte Judentum unterstützt, indem sie sich entschieden, die Papierfabrik und Papiergroßhandlug um eine eigene Buchdruckerei zu erweitern: ein Sprachrohr des modernen Judentums. Die Erwartungen der Familien werden mit der ersten Veröffentlichung der Druckerei Maas deutlich. Im Jahr 1890 erschienen in Trier Werke des progressiven Freiburger Rabbiners, Historikers und Schriftstellers Adolf Lewin „Juden in Freiburg i. B.“. Ausgebildet wie Dr. Theodor Kroner auf dem jüdisch-theologischen Seminar in Breslau, gehörte Lewin zum reformierten Judentum.

Parallel erhielt die Druckerei, die ihren Sitz in der Paulinstraße 10 hatte, auch andere Aufträge. Im Jahr 1891 erschienen u. a. „The personal History of David Copperfield“ nach Charles Dickens und „Neuer Kalender für Stadt und Land“ für das Jahr 1891 – beziehungsweise 5651 und 5652 nach dem jüdischen Kalender, in welchem auch jüdische Feiertage angegeben wurden.

Im Laufe des Jahres 1891 entschied sich Sigmund Mayer, einen Verlag unter eigenem Namen zu gründen. Vermutlich hat die gute Zusammenarbeit mit dem Rabbiner und Vertreter des liberalen Judentums Adolf Lewin dazu beigetragen. Rabbiner Lewin hat zwei weitere Bücher, „Der ewige Jude. Eine Ansprache an Viele, wenn nicht an Alle“ (erste Ausgabe unter dem Pseudonym Alwin Dolfe, zweite unter eigenen Namen) und „Das Judentum und die Nichtjuden: eine Darstellung der Entwickelung und des Lehrinhaltes des Judentums in seiner universellen Bedeutung“, bei dem Verlag „Gebr. Maas & Comp.“ veröffentlicht. Offenbar war die Nachfrage groß, denn die zweite überarbeitete Ausgabe von „Der ewige Jude“ erschien noch im gleichen Jahr im neuen Verlag „Sigmund Mayer“.

Mit seinem Buch „Der ewige Jude. Eine Ansprache an Viele, wenn nicht an Alle“ steht Lewin am Beginn der mühsamen Erklärungsarbeit und dem Kampf gegen die Vorurteile, den nach ihm viele jüdische und nichtjüdische Denker fortgesetzt haben. Es reiht sich ein in eine lange Tradition der theoretischen Auseinandersetzung mit dem Aberglauben. Diese ist immer noch notwendig, wie u. a. das Buch „Überlegungen zur Frage des Antisemitismus“ der französischen Rabbinerin Delphine Horvilleur aus dem Jahr 2020 beweist.

In der letzten Dekade des 19. Jahrhunderts hat Sigmund Mayer mit mehreren Vertretern des reformierten Judentums zusammengearbeitet und ihre Werke in Trier herausgebracht. Genannt seien: „Die hebräische Sprachwissenschaft vom 10. bis 16. Jahrhundert“ von dem ungarischen Gelehrten Wilhelm Bacher oder „Zur Geschichte jüdischer Familien“ von David Kaufmann. Die beiden Wissenschaftler waren ebenfalls auf dem Rabbinerseminar in Breslau ausgebildet worden.

Der Schwerpunkt des ambitionierten Verlags lag im Bereich Geschichte und Literaturwissenschaft des Judentums. Dies beweist auch eine der wichtigsten Veröffentlichungen auf diesem Feld in Deutschland aus den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts, das monumentale Werk: „Anthologie, Die Jüdische Literatur seit Abschluss des Kanons. Eine prosaische und poetische Anthologie mit biographischen und literargeschichtlichen Einleitungen“. Sigmund Mayer hat dieses dreibändige Kanon-Werk zusammen mit der bekannten, zweitgrößten jüdischen Verlagsbuchhandlung in Deutschland von Moritz Poppelauer in Berlin (damals schon von Erben geleitet) herausgegeben. Die Autoren waren der evangelische Theologe August Wünsche und der Oberrabbiner von Dresden, Jacob Winter. August Wünsche, ein Nicht-Jude, war einer der bedeutendsten Hebraisten Deutschlands in dieser Zeit. Neben seinen Lehrtätigkeiten, z. B. als Oberlehrer in Leipzig und in Dresden, hatte er eine große Sammlung der jüdischen Literatur zusammengebracht und viele Werke übersetzt und publiziert.

Die dreibändige Anthologie war eine Quellensammlung für den Unterricht in der nachbiblischen Religions- und Literaturgeschichte; sie sollte auch einem breiteren Publikum den Zugang zur jüdischen Literatur ermöglichen und erlauben, „sich eine eigene Ansicht von dem zu bilden, was das jüdische Geistesleben an Schriftwerken hervorgebracht hat.“ Die Anthologie erschien in Trier und in Berlin zwischen 1894 und 1897. Neben den Herausgebern August Wünsche und Jakob Winter haben zehn bekannte Autoren zu diesem Werk beigetragen, u. a. der schon erwähnte Adolf Lewin. Die Aufsätze wurden teilweise separat als Broschüren nachgedruckt, die man sich im Abonnement nach Hause liefern lassen konnte, ein Band für 12,50 Mark oder eine Lieferung ab 1,50 Mark, je nach Länge des Kapitels.

Im letzten Band wurde auch jüdisch-deutsche Literatur vorgestellt, laut den Herausgebern ein wichtiger Teil der ganzen Anthologie: „Die jüdisch-deutsche Litteratur zeugt uns die Juden Deutschlands einerseits, wie sie aus der Gesellschaft ausgestoßen, an der fortschreitenden Entwicklung der Sprache, nicht theilnehmen können, anderseits wie noch deren Nachkommen in Polen, in America mit pietätvoller Liebe an ihrem Deutschthum hängen.

Die Anthologie war vermutlich das letzte von Sigmund Mayer herausgebrachte Werk. Die große Papierfabrik und Druckerei in der Paulinstraße wurde um 1904 durch den Kaufmann Christian Axt übernommen und in den Gebäuden in der Güterstraße 8, wo sich dessen Wachswaren und Luxuskerzenfabrik befand, weitergeführt.

Der Verleger Sigmund Mayer ist 1909 in Trier verstorben, in seinen letzten Lebensjahren war er auch ein aktives und angesehenes Mitglied der jüdischen Gemeinde der Stadt. U. a. hielt er 1902 zum 25-jährigen Jubiläum der Verleihung der Korporationsrechte an die jüdische Gemeinde neben dem Rabbiner Bassfreund eine Rede. Außerdem wurde er als Redner von der Familie Loeb in deren Mosel-Loge in der Johannisstraße 10 eingeladen.

Die „reine Liebe zur Wissenschaft“ haben die Gebrüder Maas und Mayer weiteren Generationen der Nachfahren vermittelt. Nicht nur die Männer haben ein Studium mit Abschluss oder Doktortitel erworben, wie Dr. Paul Maas oder Dr. Gerhard Wolf Heidegger. Auch eine Tochter von Albert Maas, Dr. Hermine Maas, wurde als zweite Frau an der medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg promoviert und danach (1910) als erste Schulärztin in Bayern angestellt.

Als Epilog dieser Geschichte muss unbedingt ein sehr bekannter Verlagsname genannt werden, der Prestel-Verlag. Ein Enkelkind von Adolph Mayer, Dr. Hermann Loeb, war der Gründer dieses Verlags. Es ist kein Zufall, dass er Rechtswissenschaft und Philosophie studierte. Schließlich hatte bereits sein Urgroßvater Samuel einen Doktortitel als Jurist erworben. Aber der letzte Studiengang von Hermann Loeb, das Fach Kunstgeschichte, entwickelte sich für ihn zu seiner wahren Leidenschaft, was zusammen mit der Familientradition und der Liebe zu Büchern 1924 zur Gründung des Prestel-Verlags führte. Die Ursprünge eines der renommiertesten Verlagshäuser Deutschlands, das auf hochwertige Kunstbücher spezialisiert ist, sind in dem Trierer Verlag Mayer zu finden.